{"id":116,"date":"2026-06-27T10:48:15","date_gmt":"2026-06-27T10:48:15","guid":{"rendered":"https:\/\/wp.gajus.de\/?p=116"},"modified":"2026-06-27T10:48:15","modified_gmt":"2026-06-27T10:48:15","slug":"offener-brief-an-die-bundesregierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp.gajus.de\/index.php\/2026\/06\/27\/offener-brief-an-die-bundesregierung\/","title":{"rendered":"Offener Brief an die Bundesregierung"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/wp.gajus.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/730776726_10226632713363140_8544472589081715958_n-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-117\" srcset=\"https:\/\/wp.gajus.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/730776726_10226632713363140_8544472589081715958_n-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/wp.gajus.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/730776726_10226632713363140_8544472589081715958_n-300x169.jpg 300w, https:\/\/wp.gajus.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/730776726_10226632713363140_8544472589081715958_n-768x432.jpg 768w, https:\/\/wp.gajus.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/730776726_10226632713363140_8544472589081715958_n-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/wp.gajus.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/730776726_10226632713363140_8544472589081715958_n.jpg 1672w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n<h3><strong>Lebensleistung, Vertrauen und soziale Sicherheit d\u00fcrfen nicht zur Verhandlungsmasse werden<\/strong><\/h3>\n<p>An den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland,<br \/>an die Bundesministerin f\u00fcr Arbeit und Soziales,<br \/>an die Mitglieder der Bundesregierung,<br \/>an die Mitglieder des Deutschen Bundestages<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,<br \/>sehr geehrte Frau Bundesministerin,<br \/>sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>mit gro\u00dfer Sorge wenden wir uns an Sie wegen der aktuell diskutierten Vorschl\u00e4ge zur Reform der gesetzlichen Rente, insbesondere zur Zukunft der abschlagsfreien Altersrente nach 45 Versicherungsjahren sowie zur m\u00f6glichen Ver\u00e4nderung der Witwen- und Witwerrente durch ein verpflichtendes Rentensplitting.<\/p>\n<p>Es geht hierbei nicht um abstrakte Zahlen in einem Reformpapier. Es geht um die Lebensplanung von Millionen Menschen.<\/p>\n<p>Viele B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger haben ihr gesamtes Erwerbsleben auf die geltenden Regeln der gesetzlichen Rentenversicherung ausgerichtet. Sie haben gearbeitet, Beitr\u00e4ge gezahlt, Familien versorgt, Angeh\u00f6rige gepflegt, Schichtdienste geleistet, k\u00f6rperlich belastende Berufe ausge\u00fcbt oder \u00fcber Jahrzehnte hinweg Verantwortung getragen. F\u00fcr viele von ihnen ist die Rente nach 45 Versicherungsjahren kein Privileg, sondern das Ergebnis eines langen Arbeitslebens.<\/p>\n<p>Wer fr\u00fch ins Berufsleben eingestiegen ist, hat h\u00e4ufig nicht studiert, nicht erst mit Mitte oder Ende zwanzig angefangen, Beitr\u00e4ge zu zahlen, sondern bereits als Jugendlicher oder junger Erwachsener gearbeitet. Diese Menschen haben \u00fcber Jahrzehnte hinweg das Rentensystem mitfinanziert. Sie haben ihren Teil geleistet.<\/p>\n<p>Deshalb ist es aus unserer Sicht sozialpolitisch hoch problematisch, wenn gerade diese Menschen nun den Eindruck gewinnen m\u00fcssen, dass ihre Lebensleistung kurz vor dem Ruhestand nachtr\u00e4glich entwertet wird.<\/p>\n<p>Ein Rentensystem muss verl\u00e4sslich sein. Es lebt nicht nur von Beitr\u00e4gen, sondern auch von Vertrauen. Wenn Menschen \u00fcber Jahrzehnte hinweg einzahlen, dann m\u00fcssen sie darauf vertrauen k\u00f6nnen, dass zentrale Zusagen nicht kurz vor dem Ziel grundlegend ver\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p>Besonders kritisch sehen wir daher jede Reform, die die abschlagsfreie Altersrente nach 45 Versicherungsjahren abschafft oder deutlich verschlechtert, ohne einen umfassenden und echten Vertrauensschutz f\u00fcr die betroffenen Jahrg\u00e4nge vorzusehen.<\/p>\n<p>Wer kurz vor der Rente steht, kann seine gesamte Lebensplanung nicht einfach neu schreiben. Finanzielle Entscheidungen, private Vorsorge, Arbeitszeitmodelle, gesundheitliche Belastungen und famili\u00e4re Verantwortung sind oft \u00fcber Jahre auf einen bestimmten Rentenbeginn ausgerichtet worden. Eine nachtr\u00e4gliche Ver\u00e4nderung trifft diese Menschen nicht theoretisch, sondern ganz konkret.<\/p>\n<p>Ebenso besorgt sind wir \u00fcber die Diskussion um die Witwen- und Witwerrente.<\/p>\n<p>Die Hinterbliebenenrente ist f\u00fcr viele Menschen kein zus\u00e4tzlicher Vorteil und keine \u00fcberholte Sonderleistung. Sie ist f\u00fcr Millionen Ehepaare und Lebenspartner ein wichtiger Bestandteil gemeinsamer Lebensplanung und ein Schutz vor finanzieller Not nach dem Tod des Partners oder der Partnerin.<\/p>\n<p>Viele Paare haben ihr Leben gemeinsam organisiert. Nicht immer konnten beide in gleichem Umfang arbeiten. Gr\u00fcnde daf\u00fcr k\u00f6nnen Kindererziehung, Pflege von Angeh\u00f6rigen, Teilzeit, gesundheitliche Einschr\u00e4nkungen, niedrigere Einkommen oder gemeinsam getroffene Entscheidungen innerhalb der Familie sein. Solche Lebensmodelle nachtr\u00e4glich durch ein verpflichtendes Rentensplitting schlechterzustellen, w\u00e4re f\u00fcr viele Betroffene ein schwerer Eingriff in ihre finanzielle Sicherheit.<\/p>\n<p>Ein Todesfall darf nicht zus\u00e4tzlich zur Armutsfalle werden.<\/p>\n<p>Wenn ein Partner stirbt, verliert der hinterbliebene Mensch nicht nur einen geliebten Menschen, sondern oft auch einen erheblichen Teil der wirtschaftlichen Grundlage des gemeinsamen Lebens. Miete, Energie, Versicherungen, Lebensmittel, Medikamente und Alltagskosten halbieren sich nicht einfach, nur weil ein Mensch allein zur\u00fcckbleibt.<\/p>\n<p>Deshalb muss die Witwen- und Witwerrente als verl\u00e4ssliche Hinterbliebenenabsicherung erhalten bleiben. Eine Reform darf nicht dazu f\u00fchren, dass Hinterbliebene schlechter gestellt werden, besonders dann nicht, wenn sie ihre Lebensplanung \u00fcber Jahrzehnte auf die bestehenden Regeln aufgebaut haben.<\/p>\n<p>Das Rentensystem muss nicht auf dem R\u00fccken derer \u201egerettet\u201c werden, die es jahrzehntelang finanziert haben.<\/p>\n<p>Wer 45 Jahre gearbeitet hat, ist nicht das Problem.<\/p>\n<p>Wer seinen Partner verliert und auf die Witwen- oder Witwerrente angewiesen ist, ist nicht das Problem.<\/p>\n<p>Das Problem ist eine Politik, die immer dann von \u201eReform\u201c spricht, wenn normale Menschen l\u00e4nger arbeiten, sp\u00e4ter in Rente gehen oder mit weniger Sicherheit leben sollen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich steht die gesetzliche Rentenversicherung vor gro\u00dfen Herausforderungen. Demografischer Wandel, steigende Lebenserwartung, Finanzierungslasten und Generationengerechtigkeit sind reale Fragen. Aber diese Fragen d\u00fcrfen nicht einseitig zulasten der Menschen beantwortet werden, die bereits jahrzehntelang Beitr\u00e4ge gezahlt haben oder kurz vor dem Ruhestand stehen.<\/p>\n<p>Eine faire Reform muss breiter ansetzen.<\/p>\n<p>Sie muss pr\u00fcfen, wie mehr Menschen solidarisch in ein gemeinsames System einbezogen werden k\u00f6nnen. Sie muss hohe Einkommen, politische Sonderregelungen und strukturelle Ungleichheiten ehrlich betrachten. Sie muss unterscheiden zwischen Menschen, die aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden oder wegen jahrzehntelanger Belastung nicht l\u00e4nger arbeiten k\u00f6nnen, und Menschen, die ihren Beruf bis ins hohe Alter ohne vergleichbare Belastung aus\u00fcben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nicht jeder Arbeitsplatz ist gleich.<\/p>\n<p>Es ist ein Unterschied, ob jemand bis 67, 68 oder noch l\u00e4nger in einem B\u00fcro arbeitet, oder ob jemand jahrzehntelang k\u00f6rperlich schwer gearbeitet, im Schichtdienst gelebt, Verantwortung f\u00fcr Menschen getragen oder unter dauerhafter psychischer Belastung gearbeitet hat.<\/p>\n<p>Eine Rentenpolitik, die diese Unterschiede ignoriert, ist nicht gerecht.<\/p>\n<p>Wir fordern daher:<\/p>\n<p>Erstens: Keine Abschaffung oder Verschlechterung der abschlagsfreien Altersrente nach 45 Versicherungsjahren ohne umfassenden echten Vertrauensschutz f\u00fcr alle rentennahen Jahrg\u00e4nge.<\/p>\n<p>Zweitens: Erhalt der Witwen- und Witwerrente als verl\u00e4ssliche Hinterbliebenenabsicherung. Ein verpflichtendes Rentensplitting darf nicht dazu f\u00fchren, dass Hinterbliebene finanziell schlechter gestellt werden.<\/p>\n<p>Drittens: Keine weitere Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters zulasten k\u00f6rperlich, psychisch oder gesundheitlich belasteter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.<\/p>\n<p>Viertens: Eine faire, transparente und sozial ausgewogene Rentenreform, die nicht einseitig normale Besch\u00e4ftigte, Rentnerinnen und Rentner sowie Hinterbliebene belastet.<\/p>\n<p>F\u00fcnftens: Eine offene gesellschaftliche Debatte, bevor tiefgreifende \u00c4nderungen beschlossen werden, die Millionen Menschen betreffen.<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,<br \/>sehr geehrte Frau Bundesministerin,<br \/>sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>soziale Sicherheit ist kein Gnadenakt des Staates. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit, jahrzehntelanger Beitragszahlung und jahrzehntelangen Vertrauens in ein gesetzliches System.<\/p>\n<p>Wer dieses Vertrauen besch\u00e4digt, besch\u00e4digt mehr als nur einzelne Rentenanspr\u00fcche. Er besch\u00e4digt das Verh\u00e4ltnis zwischen B\u00fcrgern und Staat.<\/p>\n<p>Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, d\u00fcrfen nicht kurz vor dem Ziel das Gef\u00fchl bekommen, dass ihre Lebensleistung politisch entwertet wird.<\/p>\n<p>Menschen, die ihren Partner verlieren, d\u00fcrfen nicht zus\u00e4tzlich durch Unsicherheit bei der Hinterbliebenenabsicherung belastet werden.<\/p>\n<p>Eine Reform, die Vertrauen zerst\u00f6rt, kann keine gerechte Reform sein.<\/p>\n<p>Wir bitten Sie daher eindringlich: Nehmen Sie die Sorgen der arbeitenden Bev\u00f6lkerung, der rentennahen Jahrg\u00e4nge, der Rentnerinnen und Rentner sowie der Hinterbliebenen ernst.<\/p>\n<p>Sch\u00fctzen Sie Lebensleistung.<\/p>\n<p>Sch\u00fctzen Sie Vertrauen.<\/p>\n<p>Sch\u00fctzen Sie die Witwen- und Witwerrente.<\/p>\n<p>Und sorgen Sie daf\u00fcr, dass Rentenpolitik nicht gegen diejenigen gemacht wird, die dieses Land \u00fcber Jahrzehnte getragen haben.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Andre Gajus<br \/>D\u00fcsseldorf, den 27.06.2026<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lebensleistung, Vertrauen und soziale Sicherheit d\u00fcrfen nicht zur Verhandlungsmasse werden An den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland,an die Bundesministerin f\u00fcr Arbeit und Soziales,an die Mitglieder der Bundesregierung,an die Mitglieder des Deutschen Bundestages Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,sehr geehrte Frau Bundesministerin,sehr geehrte Damen und Herren, mit gro\u00dfer Sorge wenden wir uns an Sie wegen der aktuell diskutierten Vorschl\u00e4ge [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-116","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp.gajus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/116","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp.gajus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp.gajus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp.gajus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp.gajus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=116"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wp.gajus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":118,"href":"https:\/\/wp.gajus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions\/118"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp.gajus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp.gajus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp.gajus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}